Alt 22.12.22, 18:14
Standard Kein verlorenes Jahrzehnt
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Düstere Stimmung, düstere Prognosen.

Das Börsenjahr 2022 hielt einige schwierige Momente für Anleger bereit. Regelmäßig wurde die düstere Vorhersage laut, dass den Aktienmärkten ein verlorenes Jahrzehnt bevorstehen könnte. Diese Warnung ist nicht neu – sie tauchte ebenso in den Jahren 2009 und 2010 häufiger auf, als die Schockwirkung der Weltwirtschaftskrise immer noch verarbeitet werden musste. Überblickt man die Historie der „Prognosen für das nächste Jahrzehnt“, stellt man fest, dass diese Prognosen tendenziell ein Spiegelbild für die Marktstimmung der jeweiligen Gegenwart oder der jüngsten Vergangenheit sind – und deshalb stets mit Vorsicht zu genießen sind.

„Roaring Twenties“ oder „verlorenes Jahrzehnt“?

Diese Tendenz zeigt sich durchaus auch in positiven Marktphasen: So wurde beispielsweise zum Ende des Jahres 2020 eine neue Version der „Roaring Twenties“ ausgerufen – beflügelt durch den überstandenen COVID-Schock. Von dieser positiven Vision scheint heute allerdings nichts mehr übrig zu sein. In der Tat kam die Wirtschaft nach COVID wieder dynamisch in Gang, zwischen dem Tiefpunkt des Jahres 2020 und dem Jahresende 2021 verdoppelten sich die weltweiten Aktienkurse. In der Folge trübten jedoch Lieferkettenengpässe, Inflationsängste und Zinserhöhungen der Fed die Stimmung kräftig ein. Steigende Ölpreise, der Russland-Ukraine-Krieg und weitreichende Rezessionsängste gaben der Marktstimmung den Rest, die globalen Aktienkurse knickten im Börsenjahr 2022 ein. Die pessimistische Stimmung ist zurück, und mit ihr die Unkenrufe nach einem verlorenen Jahrzehnt.

Cool bleiben

Für Anleger ist es aus unserer Sicht nicht ratsam, sich diesem stetigen Wechselspiel der Gefühle hinzugeben. Grundsätzlich macht es keinen Sinn, in Dekaden zu denken – die Länge der Bullen- und Bärenmärkte ist variabel. Vielleicht werden wir in sieben Jahren, wenn die 2020er Jahre zu Ende gehen, auf ein Jahrzehnt mit hohen Renditen zurückblicken, welches den Hype um die „Roaring Twenties“ doch rechtfertigt. Aber der Weg dorthin wird nicht geradlinig verlaufen, wie das Jahr 2022 bereits bewiesen hat. Und wenn die Bilanz des Jahrzehnts am Ende relativ ausgeglichen ausfällt, ist dies wahrscheinlich das Ergebnis vieler Höhen und Tiefen auf dem Weg dorthin.

Der Marktzyklus zählt

Statt in Jahrzehnten zu denken, ist es wichtiger, den übergeordneten Marktzyklus zu beachten und eine rationale Standortbestimmung durchzuführen. Wohlwissend, dass es selbst in sehr guten langfristigen Zeiträumen gewisse Phasen mit beängstigenden Marktrückgängen zu überstehen gilt. Es kommt also im Grunde auf eine vernünftige Erwartungshaltung an: Aktienmärkte sind fähig, hohe langfristige Renditen anzubieten. Allerdings wird es gute und schlechte Jahre geben, diese werden sich zu wunderbaren, mittelmäßigen und manchmal sogar enttäuschenden Jahrzehnten zusammensetzen. Entscheidend ist, dass wahrscheinlich niemand diese im Voraus exakt erkennen wird. Zu Beginn der 2000er Jahre erwarteten viele Anleger einen „ewigen Boom“. Zehn Jahre später ging die Angst vor einem verlorenen Jahrzehnt dem längsten Bullenmarkt aller Zeiten voraus. Und für die 20er Jahre wurde bereits die volle Bandbreite der möglichen Prognosen ausgereizt. Hilfreich ist dieses Gerede für Anleger nicht.

Fazit

Langfristige Prognosen stellen keine belastbare Analyse dar, sie sind vielmehr eine Momentaufnahme der Anlegerstimmung. Diese wiederum wird von Ereignissen der jüngsten Vergangenheit beeinflusst und rückwärtsgerichtete Bestandsaufnahmen sagen bekanntlich nichts über zukünftige Chancen aus.

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Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Thomas Grüner die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)  
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