Alt 26.03.22, 09:33
Standard So tickt die Börse: Schlimmste Befürchtungen scheinen eingepreist
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Von unseren vier Themen befinden sich Corona und China derzeit in einer Warteposition. China wartet die Entwicklungen im Ukraine-Krieg ab und verhält sich bis auf weiteres neutral / defensiv. Corona zeigt hohe Infektionszahlen, wird in den USA jedoch bereits als überwunden betrachtet. Der dortige Corona-Beauftragte der Gesundheitsbehörde, Scott Gottlieb, hat gestern verkündet, dass Corona im Verlauf dieses Sommers vermutlich vollständig in Vergessenheit geraten könnte. Er sprach vom "Ende der Pandemie".

Im Ukraine-Krieg dämmert es den Anlegern, dass weder ein schneller Sieg Russlands (Blitzkrieg), noch ein baldiges Aufgeben Russlands zu erwarten ist. Man stellt sich langsam auf eine Dauer von Monaten, wenn nicht sogar Jahren ein. Das ist in meinen Augen das Schlimmste, was dem ukrainischen Volk passiert konnte und ich hoffe weiterhin auf einen baldigen Durchbruch bei den Verhandlungen.

Doch am Finanzmarkt rechnet man nicht mit Hoffnung, sondern mit Wahrscheinlichkeiten. Und die sehen derzeit nicht gut aus.

Das vierte Thema, die Inflation, entwickelt sich schlimmer als erwartet. In der Eurozone betrug die Verbraucherpreisinflation statt erwarteten 5,8% nunmehr 5,9%. In Großbritannien sprang sie statt auf 5,9% sogar auf 6,2%. In den USA steht die Inflation sogar bereits bei 7,9%. Nach der ersten Zinsanhebung in den USA wird nun diskutiert, wie viele Zinsanhebungen im laufenden Jahr zu erwarten sind. Dabei gewinnt die Diskussion eine neue Dynamik, da inzwischen auch "große" Schritte für möglich gehalten werden.

Normalerweise wird der Leitzins stets zu den Terminen der Notenbanksitzungen diskutiert und gegebenenfalls um einen viertel Prozentpunkt (0,25%) angepasst. Doch da die Inflation bei steigenden Energiepreisen und nunmehr auf exorbitant hohen Nahrungsmittelpreisen wesentlich schneller ansteigt als von Volkswirten erwartet, hatte Jay Powell vor einigen Tagen selbst eine Anhebung um 0,5% nicht ausgeschlossen. Binnen weniger Tage hat sich nun unter Volkswirten die Erwartung durchgesetzt, dass zur nächsten Notenbanksitzung am 4. Mai mit einer Anhebung um 0,5% zu rechnen sei, 70% der Volkswirte sind davon überzeugt.

Fast die Hälfte aller Volkswirte rechnet bis Ende 2022 mit einem Leitzinsniveau von 2,5% - 2,75%. Das entspricht 9 "kleinen" Zinsschritten. Da es nur noch sechs Notenbanktermine gibt, müsste also bei drei Terminen ein großer Schritt vollzogen werden.

Wenn wir uns also die derzeitige Situation mit etwas Abstand anschauen, könnte es kaum schlimmer sein: Die Inflation droht davon zu galoppieren. Der Ukraine-Krieg zeigt derzeit keine schnelle Lösung. Immerhin ist China noch passiv und Corona scheint sich zu bessern. Doch ob das allein schon ausreicht, um für steigende Kurse an den Aktienmärkten zu sorgen, wage ich zu bezweifeln.

Für die europäische Wirtschaft, insbesondere für die deutsche Konjunktur, ist die Energielieferung (Öl & Gas) aus Russland wichtig. Ein Lieferstopp würde uns in eine Rezession stürzen. Putin kündigte an, die Lieferungen nur noch gegen Rubel bezahlen zu lassen. Darauf kann Europa eigentlich nicht eingehen und es wird händeringend nach einem Ausweg gesucht.

Ein Lieferstopp würde die Energiepreise (Öl & Gas) nochmals weiter nach oben treiben und für viele Betriebe würde die Produktion unrentabel. Verbraucher müssten mehr Geld für ihre Heizung und ihr Auto berappen und so käme es sehr schnell zu einer Rezession, die nicht nur Deutschland und Europa, sondern vermutlich die ganze Welt erfassen könnte.

Wenn Sie von mir in einer so ungewissen Situation nun hören wollen, ob wir Aktien kaufen oder verkaufen sollen, dann kann ich Ihnen darauf nicht die "eine" Antwort geben. Vielmehr müssen wir unser Portfolio dahingehend überarbeiten, dass wir möglichst viele Titel haben, die zwar im Börsencrash mit ausverkauft werden, deren Geschäftsmodell jedoch weitgehend unabhängig von den hier aufgeführten Ereignissen ist. Außerdem brauchen wir eine Strategie für den Fall, dass die Situation sich nochmals verschlimmert, aber auch für den Fall, dass es nicht mehr schlimmer wird. Mehr dazu in Kapitel 04.

Schauen wir zunächst einmal auf die Wochenentwicklung der wichtigsten Indizes:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES


INDIZES (24.03.22) Woche Δ Σ '22 Δ

Dow Jones 34.801 0,9% -4,2%
DAX 14.306 -0,7% -9,9%
Nikkei 28.150 4,9% -2,2%
Shanghai A 3.367 -1,2% -11,7%
Euro/US-Dollar 1,10 -0,6% -3,1%
Euro/Yen 134,17 1,9% 2,6%
10-Jahres-US-Anleihe 2,49% 0,34 0,98
Umlaufrendite Dt 0,36% 0,14 0,64
Feinunze Gold $1.952 1,2% 7,0%
Fass Brent Öl $119,86 11,2% 52,1%
Kupfer $10.395 1,3% 7,3%
Baltic Dry Shipping $2.567 -0,8% 15,8%
Bitcoin $44.258 6,7% -5,8%




Der Ölpreis ist diese Woche weiter angesprungen (+11%). Ich habe beobachtet, dass die Aktienbörse an Tagen mit steigendem Ölpreis schwächer notierte, während an Tagen mit gleichbleibendem oder gar leicht fallendem Ölpreis Kursgewinne erzielt wurden.

Spekulanten sind am Werk. Und Spekulanten der Aktienmärkte entnehmen ihre Ideen gerne dem Ölmarkt. Mit einfachen Wenn-dann-Algorithmen werden konjunktursensible Aktien gekauft, sobald der Ölpreis fällt - und umgekehrt. Die Gegenbewegung seit dem Tief im DAX Ende Februar ist in meinen Augen bislang überwiegend technischer Natur, also getrieben durch eben solche Spekulanten. Auf dem aktuellen Niveau, im Bereich zwischen 14.000 und 14.500 Punkten, wird es sich entscheiden, ob nun langfristig orientierte Anleger in den Markt kommen, oder aber nicht.

Zwei Einzeltitel möchte ich kurz herausheben: Kion und Jungheinrich haben diese Woche jeweils knapp ein Viertel ihrer Marktkapitalisierung verloren. Hohe Stahlpreise und Lieferengpässe iN Folge des Ukraine-Kriegs führen dazu, dass Jungheinrich sein Jahresziel nicht wird erreichen können, so das Unternehmen. 4,5 Mrd. euro Jahresumsatz werden mit 0,8 Mrd. Euro Enterprise Value bewertet, viel zu billig. Das KGV steht bei 12, der Gewinn wächst mit 12% p.a. Eine Dividende wird ausgeschüttet, in der Bilanz schlummert 400 Mio. Euro Nettoliquidität. Keine Ahnung, wer da eine so günstige Aktie verkauft. Kion sieht nicht viel anders aus.
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Stephan Heibel die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)  
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