Alt 17.05.23, 18:33
Standard Nicht auf das Prinzip Hoffnung setzen
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Türkei als lehrreiches Beispiel.

Rund um die Präsidentschaftswahlen in der Türkei kommt Bewegung in die lokalen Aktienmärkte. Türkische Aktien stiegen in der vergangenen Woche um 11,2 Prozent an, da die Anleger optimistisch waren, dass die Wähler den langjährigen Präsidenten Erdogan bei den Wahlen am Sonntag absetzen würden. Die Realität hielt jedoch direkt am Montag Einzug und die lokalen Aktien fielen um 7,9 Prozent, nachdem Erdogan die Erwartungen übertroffen hatte und eine gute Ausgangsposition für die Stichwahl am 28. Mai erreichte.

Wir sehen hier hilfreiche Lehren für Anleger, unabhängig davon, ob sie in Aktien der Schwellenländer investieren oder nicht: „Hoffnungen“ und „Möglichkeiten“ sind eine ungeeignete Grundlage für erfolgreiche Investitionsentscheidungen.

Hoffnung und Ernüchterung

Angesichts der Tatsache, dass Erdogan frühere Wahlen trotz scheinbar unüberwindbarer Hindernisse - einschließlich Währungskrisen, rapider Inflation und schwerer Unruhen - gewonnen hat, mag es seltsam erscheinen, dass die Märkte in der vergangenen Woche seine Niederlage einzupreisen schienen. Als sich mehrere Oppositionsparteien um einen einzigen Herausforderer - Kemal Kilicdaroglu - scharten und die Umfragen ihm einen leichten Vorsprung bescheinigten, wurden die Anleger jedoch von einer Art Aufbruchsstimmung erfasst. Um Benjamin Graham zu zitieren: Kurzfristig verhalten sich die Märkte wie eine Wahlmaschine, langfristig jedoch wie eine Waage. Kurzfristig können sie also von Popularität und Begeisterung abhängen, langfristig verschwindet allerdings die emotionale Komponente.

Die erste Ernüchterung ließ dabei nicht lange auf sich warten. Am Montag wurden die türkischen Aktienmärkte mit der Realität konfrontiert, dass Erdogan trotz Aufbruchsstimmung gute Siegchancen für die anstehende Stichwahl hat. Unter anderem könnte die Regierung mit Lohnerhöhungen im öffentlichen Sektor wirkungsvollen Einfluss auf die aktuelle Wählerstimmung nehmen. Kurzfristig dürfte dies eine bessere Wahlwirkung entfalten als die Aussicht auf Kilicdaroglus Wirtschaftspolitik, die auf eine Anhebung der Zinssätze und die Wiederherstellung einer normalen Geldpolitik setzt. Hinzu kommt, dass der ausgeschiedene dritte Herausforderer, Sinan Ogan, zum Zünglein an der Waage werden könnte. Der Anteil von fünf Prozent der Wähler, die ihn bisher unterstützt haben, stehen nun zur Disposition. Er hat noch keinen der beiden verbleibenden Kandidaten unterstützt, sein Wahlkampf wurde jedoch rechtslastig geführt und somit ist die Tendenz denkbar, dass sich seine Anhänger dem konservativen Präsidenten Erdogan zuwenden werden.

Fundamentales zählt

Kurzfristig können sich die Märkte auf alles Mögliche einstellen, auch auf Möglichkeiten und irrationale Hoffnungen. Aber über längere Zeiträume bewegen sie sich auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeiten. Wenn man schnelle Aufwärtsbewegungen sieht, wie die der Türkei in der vergangenen Woche, ist es nur allzu leicht, diese zu extrapolieren und gute Zeiten vorauszusagen. Aber wenn der Hauptantrieb einer Rally aus dem „Prinzip Hoffnung“ besteht und nicht die begründete Wahrscheinlichkeit einer fundamentalen Verbesserung darstellt, kann sie ebenso schnell vergehen wie sie aufgetreten ist.

Fazit

Aktienmärkte reagieren mit wiederkehrenden Mustern auf eine politische Aufbruchsstimmung. Die große Hoffnung wird nicht nur blitzschnell eingepreist, sie erfüllt sich auch selten so, wie die Befürworter behaupten. Immer wenn Anleger von einer „großen Bewegung“ und hoffnungsvollen Geschichten hören, ist also Vorsicht geboten.

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Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Thomas Grüner die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)  
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