Alt 15.11.08, 06:53
So tickt die Börse: Gesinnungswandel für Rettungspaket
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Haben Sie das gestern Abend gesehen: In den USA ist der Dow Jones von 13 bis 16 Uhr US-Zeit (19-22 Uhr MEZ) von 7.965 auf 8.876 Punkte geschossen. Das sind 10% Kursgewinn in drei Stunden. 10% in drei Stunden über den gesamten Index! Und welche Meldung war dafür verantwortlich?

Keine! Nichts! Es gab kein Ereignis, das eine solche Rallye lostreten könnte. Zumindest kein fundamentales Ereignis, also nichts in unserer Welt. Es gab allerdings ein ausbleibendes Ereignis: Der Dow Jones ist nicht unter 7.900 Punkte gerutscht. Und seit Wochen fiebern technisches Chartanalysten darauf hin, dass die „Unterstützung bei 7.900 Punkten" ein zweites Mal „erfolgreich getestet" wird. Ja, so sprechen die Techniker.

Heute hören Sie in allen Medien, dass die Unterstützung gehalten habe. Ein weiterer Beweis für eine erfolgreiche Bodenbildung, wird überall behauptet. Doch ich muss Sie an diesem Punkt wieder zurück in die reale Welt holen: Was ist denn seit dem ersten „Test" dieser Unterstützung Mitte Oktober passiert? Was ist denn heute besser, als noch vor vier Wochen?

Nun, die Welt wird nicht untergehen, das Zusammenbrechen des Weltfinanzsystems wurde durch heftige Staatsinterventionen verhindert. Prima. Die Kosten dieser Intervention: Keine freien Finanzmärkte mehr (wir werden dieses Wochenende erfahren, was das genau bedeutet). Das ist schon einmal sehr viel wert.

Doch auf der anderen Seite ist die Wirtschaft seither eingebrochen: Umsätze sind eingebrochen, Quartalsergebnisse haben durch die Bank weg enttäuscht, die Prognosen wurden überall reduziert. Gestern erst hat Intel vor einem heftigen Abschwung gewarnt. Und das war in meinen Augen eine Warnung, um später Vorwürfen zu entgehen, wenn die nächsten Quartale deutlich schlechter werden, als heute, auch nach der Warnung, erwartet. Es war nicht eine Warnung, mit der man nun gegen alle Krisenereignisse gewappnet ist.

Die Rallye am gestrigen Abend wurde von zwei Aktiengruppen gestartet: Öl und Technologie. Das macht mir Sorge: Wenn Ölkonzerne wie Chevron und Exxon steigen, dann werden also wieder höhere Ölpreise erwartet, also höhere Energiekosten und somit eine Bremse für die inzwischen sehr schwache Wirtschaft.

Und Technologie ist ein zyklisches Geschäft. SAP ist derzeit dabei, sich auf eine Krise vorzubereiten. Intel warnt vor einer Krise. Sind es die Technologie- und Ölaktien, die uns aus der Krise führen werden? Meiner Ansicht nach nicht. Ich erwarte diese Rolle von anderen Branchen, wie ich im nächsten Kapitel aufzeigen werde.

Die Rallye nährt sich selbst: Nachdem nun 10% in drei Stunden geschafft wurden, wird diese Meldung dafür sorgen, dass andere noch schnell aufspringen wollen. Gleichzeitig steht ein Wochenende bevor, an dem die 20 größten Länder der Welt sich um eine neue Weltfinanzordnung kümmern wollen. Stellen Sie sich mal vor, am Wochenende kommen positive Meldungen zutage: Die Kurse würden weiter steigen. Alle short positionierten Spekulanten werden sich heute noch eindecken, um dieses Risiko zu minimieren. Die Deckungskäufe werden weiter die Kurse treiben.

Aber in den Medien wird man Ihnen sagen, dass der Boden ein zweites Mal gehalten hat und nun das Schlimmste überstanden sei. Schauen wir einmal auf die Wochenentwicklung der wichtigsten Indizes, um die Situation besser einzuschätzen:

INDIZES (13/11/2008)

Dow Jones: 8,835 | 1.6%
DAX: 4,650 | -3.4%
Nikkei: 8,239 | -7.4%
Euro/US-Dollar: 1.270 | -0.8%
Euro/Yen: 123.4 | -1.0%
10-Jahre-US-Anleihe: 3.82% | 0.1
Umlaufrendite Dt: 3.45% | -0.2
Feinunze Gold USD: $729.00 | -1.8%
Fass Crude Öl USD: $59.06 | -3.9%


Die gestrige Tagesendrallye hat den Dow Jones natürlich ins Plus gehievt. DAX und Nikkei werden heute folgen. Werfen wir doch noch einen Blick auf die Stimmung:

SENTIMENTDATEN

ANALYSTEN:

Empfehlungen (Anzahl Empfehlungen): Kaufen / Verkaufen

September (781): 60% / 40%
Oktober (541): 57% / 43 %
November (180): 50% / 50%

Häufigste Kaufempfehlung
* PORSCHE
* DEUTSCHE EUROSHOP

Häufigste Verkaufsempfehlung
* MLP AG
* JUNGHEINRICH AG

MITGLIEDER:

Häufigste Kaufempfehlung
* Q-CELLS
* ADVANCED MICRO DEVICES (AMD)

Häufigste Verkaufsempfehlung
* VOLKSWAGEN
* HYPO REAL ESTATE

Bullen / Bären Index

Aktuell 50% Bullen (-7%)
Tief war Anfang Oktober, bei 41% Bullen


Die Sentiment-Daten wurden in Zusammenarbeit mit Sharwise erstellt: http://www.sharewise.com?heibel.


Die Rallye, die gestern in den USA begann, dürfte also noch ein wenig weiterführen.

US-RETTUNGSPAKET NICHT AUF FINANZBRANCHE FOKUSSIERT

Hank Paulson, der US-Finanzminister, vollführt einen Drahtseilakt. Erst boxt er ein 700 Mrd. USD schweres Rettungspaket zur Hilfe der Finanzmärkte durch und nun möchte er die Mittel auch zur Unterstützung anderer Branchen nutzen. Ungeachtet der Kritiker, die vielleicht eine alleinige Hilfe der Finanzbranche schlecht fanden, so läuft Paulson nun zusätzlich Gefahr, treue Weggefährten zu verprellen. Paulson ist unberechenbar.

Das, was dem Finanzmarkt fehlt, ist Verlässlichkeit. Diese geht jedoch verloren, wenn Paulson nun die Bestimmung der 700 Mrd. USD kurzerhand umdefiniert.

Auf der anderen Seite hat er gute Gründe für seinen Gesinnungswandel: Eine Rezession steht ins Haus und nicht nur die Finanzbranche, sondern auch die Wirtschaft benötigt dringend Hilfe.

Allen voran die Automobilbranche. Vor zwei Wochen habe ich vor General Motors Anleihen gewarnt, heute stehen sie 40% tiefer. Die Deutsche Bank hat diese Woche ein neues Kursziel für die GM Aktie ausgegeben: 0,- US-Dollar! GM ist pleite, kann aber noch nicht zum Insolvenzrichter, denn zu viele Jobs stehen auf dem Spiel.

Bush zeigt sich noch hart: Mit dem 25 Mrd. USD Kredit, der vor einigen Wochen zugesagt wurde, muss es genug sein. Doch Paulsons Gesinnungswandel ist für mich ein Zeichen dafür, dass der Finanzminister die Zeichen der Zeit erkennt: Eine Pleite von GM wäre mindestens ebenso verhängnisvoll wie die Lehman-Pleite. Nicht nur bei GM gehen dadurch Arbeitsplätze verloren, sondern ein Fünffaches davon in den Zulieferern und Dienstleistern der Branche. Und dann ist da noch GMAC, der Finanzierungsarm, an dem GM noch immer beteiligt ist.

Der Aktienkurs von GM steht bei nur noch 3 US-Dollar. Oder sollte ich vielleicht sagen: Der Aktienkurs steht noch immer bei 3 US-Dollar. Da ist noch immer ein Kursverlust von 100% möglich. Was unterscheidet die Aktie von den Unternehmensanleihen, die derzeit auf 40% ihres Rückzahlungswertes gehandelt werden? Die Anleihen würden, wenn sie ordentlich zurückgezahlt werden, eine Rendite von 75% p.a. bringen. Das sind Werte, wie sie nur für ein Pleiteunternehmen gelten können.

Und die Aktie auf der anderen Seite: Bevor auch nur ein Euro der Anleihen nicht zurück gezahlt wird, gehen die Aktionäre leer aus. Wenn also die Anleihen schon die Katastrophe einpreisen, warum steht die Aktie dann noch nicht auf Null?

Bei Ford und Chrysler sieht es nicht viel besser aus. Obama ruft schon nach Hilfen, die er jedoch an Investitionen für umweltfreundlichere Technologien knüpfen möchte. Bush stellt sich derzeit auf stur und Paulson bereitet einen Gesinnungswechsel vor. Die Automobilbranche kann nicht sich selbst überlassen werden. Doch für welchen Preis? Ich würde nicht auf die Aktien von GM setzen. Auch die Anleihen sind mir zu riskant. Es wäre nicht das erste Mal, dass solche Papiere wertlos verfallen.

Doch der Schwenk von der Finanz-, allein auf die Autobranche wird nicht reichen. Es kriselt überall, auch die ersten Einzelhändler sind inzwischen pleite gegangen: Circuit City hat die Insolvenz nach Chapter 11 beantragt. Mit einem Milliardenkredit kann der Geschäftsbetrieb nun aufrecht erhalten bleiben, während das Unternehmen nun das Recht hat, Verträge aufzukündigen, um wieder profitabel zu werden.

Also auch die Einzelhandelsbranche. Wenn Paulson dort eingreifen will, dann muss er auch Bestbuy, RasioShack, Target und CompUSA helfen. Und diese Unternehmen haben nichts mit der Immobilienkrise zu tun. Aber es bleibt nicht auf Technik-Geschäfte beschränkt: Heute warnten Discounter Penney sowie Kleidungsverkäufer Abercrombie vor Umsatzeinbrüchen im Oktober.

Bei alledem vermisse ich noch immer die Hiobsbotschaften aus dem Immobiliensektor: Noch keiner der großen Bauunternehmen ist pleite gegangen: Pulte, DR Horton, Toll Brothers, KB Home, Hovnanian und Centex bauen allesamt noch neue Häuser, obwohl Schätzungen zufolge mit 18 Mio. leerstehenden Häusern noch nie so viele Häuser verfügbar waren.

Wie sollen sich die Preise des Immobilienmarktes stabilisieren, wenn noch immer eine Flut von Häusern verfügbar ist? Wann wird Paulson auf diesem Markt eingreifen?

Na, vielleicht bevorzugt er es, dem Einzelhandel auch in dieser Branche zu helfen: Costco, The Home Depot und Lowe's Companies sind Baumärkte und Anbieter von Möbeln, die zwar kräftig gelitten haben, aber in einer Rezession noch schwerer getroffen würden.

Haben Sie sich schon mal vor Augen gehalten, welche Auswirkungen der Boeing-Streik der vergangenen Wochen haben wird: Eine gesamte Industrie liegt brach und aus wettbewerbspolitischen Gründen darf Paulson hier nicht eingreifen: Sofort gebe es eine Klage von Airbus wegen Wettbewerbsverzerrungen durch politische Hilfen.

Also: Zuerst hatte Paulson 700 Mrd. US-Dollar beantragt, ohne mitteilen zu wollen, wofür er das Geld ausgeben möchte. Es wurde ihm nicht gestattet, stattdessen verpflichtete man ihn zu einer verlässlichen Aussage, wie er die Krise bekämpfen wolle.

Nun, er wurde also auf die Finanzbranche beschränkt, weil diese zum damaligen Augenblick die Branche war, die am meisten Hilfe brauchte. Doch nun, wo sich die Krise ausweitet, kommt er erneut an die Öffentlichkeit und beantragt die Verwendung des 700 Mrd. USD Rettungspakets für „andere" Zwecke, als damals festgelegt. Wieder kann er sich nicht festlegen, wofür er die Mittel verwenden will. Wieder hat er kein Konzept zur Bekämpfung der Krise, sondern wünscht sich nur noch mehr Spielraum, um auf die Katastrophen flexibler reagieren zu können.

Das spricht nicht für Glaubwürdigkeit. Wir wollen einen Finanzminister, der agiert, nicht reagiert. Paulson muss einen Plan vorlegen, der Wege aus der Krise, aus der Rezession, aufzeigt. Doch dazu ist er offensichtlich nicht in der Lage.

Es bleibt beim Verschlimmbessern.
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Stephan Heibel die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)  
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