Alt 22.12.06, 21:55
Standard So tickt die Börse: Kursmanipulationen zum Jahresende
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Wir haben ein turbulentes Jahr erlebt, in dem die Frühjahrskorrektur so manchen Börsianer überraschte und die anschließende, bereits im Sommer begonnene Rallye für viele Anleger viel zu früh begann. Viele institutionelle Anleger sind dadurch gleich zweimal auf dem falschen Fuß erwischt worden. Nun, zum Jahresende, kurz bevor sie ihre Bücher offenlegen und sich rechtfertigen müssen, versuchen sie zu retten, was zu retten ist. Daher können Sie in diesen Tagen einige Kursbewegungen sehen, die fundamental überhaupt keinen Sinn ergeben.

Dabei ist die Grundstimmung eindeutig bullish. Die US-Arbeitsmarktdaten für den Monat November fielen überaus positiv aus. Die Weihnachtsumsätze des Einzelhandels sind bislang zufriedenstellend und moderate Inflationsdaten mindern den Druck auf die US-Notenbank, ein hohes Zinsniveau zu schaffen. Mit anderen Worten: Die Konjunktur brummt, Unternehmen erwirtschaften Rekordgewinne und die Inflation ist im Griff. Also alles bestens, wir sind bereit für die Fortsetzung der Hausse.

Dennoch gibt es große Anlegersummen, die an der Seitenlinie darauf warten, eingesetzt zu werden. Doch dazu braucht man ein paar schwache Börsentage. Und ein Dow Jones, der jeden zweiten Tag ein neues Allzeithoch erreicht, ist nicht gerade das, was sich institutionelle Anleger als günstige Einstiegsgelegenheit wünschen. Also wird versucht, die Kurse einzelner Aktien zu drücken.

GOOGLE

Nehmen sie beispielsweise Google. Das Unternehmen macht alles richtig. Es hat eine Marketingplattform erfunden, die es jedem Budget ermöglicht, Werbung zu schalten und durch Werbung zu verdienen. Als Drehkreuz sitzt Google in der Mitte zwischen Millionen von Internetsurfern und Anbietern und kassiert einen kleinen Zoll von jedem, der durch das Drehkreuz surft. Ähnliches haben auch schon Overture (heute Yahoo! Marketing) und Affilinet probiert, aber sie erreichten nicht die notwendige Anzahl an Nutzern, um auch für große Werber interessant zu sein.

Google hat damit seine Führungsposition im Internet ausgebaut und dürfte meiner Berechnung nach im kommenden Jahr 18 US-Dollar je Aktie verdienen. Bei einem vorsichtig geschätzten Wachstum von 30 % (bislang waren es stets 70-100 %) und einem von mir für angemessen betrachteten Kurs/Gewinn-Verhältnis von der zweifachen Wachstumsrate (also 60) ergibt sich für Ende 2007 ein fairer Kurs für Google von 60 x 18 USD = 1.080 US-Dollar.

Diese einfache Rechnung werden auch einige institutionelle Anleger angestellt haben, und nun wollen sie noch Google Aktien kaufen, bevor der Kurs abhebt. Ende November stand der Kurs bereits schon einmal über der magischen Grenze von 500 US-Dollar (bis auf 513 USD), seither fällt der Kurs ins Bodenlose. Gestern rutschte die Aktie unter 453 US-Dollar, hat also satte 10 % in nur drei Wochen verloren.

Es wird nun darüber geschrieben, daß Google zuviel für YouTube, die Video-Plattform, gezahlt habe. Auch wird darüber philosophiert, welche positive Überraschung es künftig noch bereit halten könnte, nachdem nun sämtliche Wettbewerber, zuletzt Yahoo!, überrundet wurden. Und zu guter Letzt hat in dieser Woche das Wallstreet Journal noch einen ausführlichen Artikel veröffentlich, in dem von einem sich verlangsamenden Umsatzwachstum bei Google ausgegangen wird.

Nun, ich denke, Google wird erst wieder mit Fakten aufwarten müssen, um die Zweifler und Bären zu vertreiben. Das nächste Quartalsergebnis wird Google erst Mitte Januar veröffentlichen. Bis dahin bleibt das Feld den Bären überlassen. Falsche Bären allerdings, denn diese Bären wollen den Kurs nur aus einem Grund in den Keller prügeln: Um selber günstig kaufen zu können.

Ich könnte mir vorstellen, daß insbesondere in den Tagen mit schwachen Handelsumsätzen eine wie auch immer geartete Hiobsbotschaft über Google durch die Anlegergemeinde ziehen wird, die für einen weiteren Ausverkauf der Google-Aktien führen wird. Halten Sie sich bereit, Google zu Schnäppchenkursen unter 440 US-Dollar zu kaufen.

MOTOROLA

Wissen Sie, was Anleger von den neuen Handys von Motorola halten? Nichts! Das neue Modell, Krzr, verkauft sich langsamer als geplant, die Vertragspartner T-Mobile, AT&T und BellSouth haben Befürchtungen geäußert, das Modell könne sich zu einem Ladenhüter entwickeln. Schon im Oktober wurden die Probleme bei Motorola bekannt, ich hatte Sie schon im März und im August im Heibel-Ticker wiederholt vor Motorola gewarnt: Der Preiskampf zwischen den Mobilfunkanbietern Nokia, SonyEricsson und Motorola ist ruinös, keiner kann da gute Gewinne erzielen. Zusätzlich kommen immer mehr Japaner und Koreaner auf den Markt, die den Preisdruck erhöhen.

Und dann ist da noch Research in Motion, der Eigner der Blackberrys. Unter Blackberry versteht man eine neue Technologie, mit deren Hilfe Handys um eine kleine Tastatur erweitert zum Minicomputer avancieren. E-Mails, Surfen, Textverarbeitung und Tabellenkalkulation sind mit diesen kleinen Geräten kein Problem, lediglich das Handling ist etwas filigran. Es ist die Weiterentwicklung der Palm Handhelds, die den Sprung zur Mobilfunktechnik niemals ganz geschafft haben.

Research in Motion hat mit seinen Geräten einen durchschlagenden Erfolg, die entsprechenden Geräte von Nokia und Motorola, die eine ähnliche Funktionalität anbieten, werden von den Konsumenten gemieden.

Es fehlt also das Licht am Ende des Tunnels. Nokia, Motorola und SonyEricsson haben in den vergangenen Jahren immer wieder schwere Zeiten durchlebt, sich immer wieder irgendwie aus dem Dreck gezogen, aber haben es niemals mehr geschafft, ordentliche Gewinne einzufahren. Der Markt bleibt hart umkämpft, so daß nicht einmal der Marktführer Nokia gut verdienen kann.

Na, und wenn es schon einmal so schlecht läuft, dann kommt zum Jahresende noch das „Tax-Selling" hinzu, das Verkaufen aus steuerlichen Gründen. Denn wer beispielsweise in diesem Jahr Motorola-Aktien gekauft hat und mit dieser Position im Minus steht, der muß die Aktien verkaufen, um das Minus gegen die anderen Kursgewinne verrechnen zu können. Wenn Sie die Aktien über den Jahreswechsel im Depot behalten, dann können Sie die Verluste nur dann steuerlich geltend machen, wenn Sie sie noch verkaufen, bevor Sie sie ein volles Jahr im Depot haben und wenn Sie im nächsten Jahr erneut gute Spekulationsgewinne erwirtschaften.

Bei so vielen „wenns" verkaufen viele Spekulanten lieber heute als nächstes Jahr. Der Kurs von Motorola und einigen anderen Aktien in ähnlicher Position wird dadurch noch verstärkt in den Keller geprügelt.

Die Konjunktur brummt also, die Inflation ist im Griff und dennoch werden einige Aktienkurse aufgrund der hier genannten Gründe in den Keller geprügelt. Na, wenn es da keine Kaufgelegenheiten für Sie gibt...
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Stephan Heibel die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)  
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