HansA
20.12.2001, 21:38
Er stand auf der Band Rotunda an Wellingtons Nobel-Meile, der Oriental Parade, und blickte mit einem Feldstecher konzentriert in die Abendsonne hinaus. Es war dies ein romantischer Ort. Hier, direkt am Wasser, spielten früher die Blaskapellen für die jungen Liebesleute, während im Hintergrund, im Meer, eine 30 Meter hohe Fontäne in den Himmel spritzte. Auch bei Nacht. Und dann beleuchtet. In den Achtzigerjahren setzte man an dieser Stelle ein Restaurant hin. Die Bands müssten jetzt auf dem Dach spielen. Vielleicht tun sie's gelegentlich immer noch. Jedenfalls nennt sich das Ganze nach wie vor die Band Rotunda. Dafür hat man von hier oben nun einen besseren Blick auf die gesamte Bucht.
Was der Kleine da so angestrengt entdecken wollte, war mir freilich ein Rätsel. "Was gibt's denn da zu sehen?" fragte ich. "Delphine!" sagte er mit dem Eifer eines Achtjährigen, auch die Körpergröße entsprach der eines kleinen Jungen. Und doch war es klar, dass der kleine Mann kein Kind mehr war. Die leuchtenden Knopfaugen waren die eines Erwachsenen. "Wirklich? Delphine?" sagte ich. Ich hatte in 25 Jahren noch nie einen Delphin im Hafen von Wellington gesehen, und wusste gar nicht, dass es so etwas hier geben sollte. Natürlich gibt es in Neuseeland Delphine, aber dass sie sich so nahe an die Stadt heran wagten, war mir neu. Doch dann sah ich sie, sogar mit bloßem Auge. Tatsächlich, da sprangen sie aus dem Wasser. Delphine. Toll. Keen, wie man in den Fünfzigerjahren sagte. Da hatte ich in dieser Stadt also eine Tochter und sogar ein Enkelkind, aber ein indischer Zwerg musste mir etwas zeigen, was mir bis zu diesem Tag völlig unbekannt gewesen war.
"Und was machen Sie sonst, wenn Sie mal nicht nach Delphinen Ausschau halten?" fragte ich etwas später, als ich mich neben ihm auf die Bank setzte. "Ich bin beim Film", sagte er. Das hätte ich mir natürlich denken können. So ein wohlgestalteter kleiner Mann musste ja wohl beim Film sein. "Und Sie drehen hier jetzt gerade?" fragte ich weiter. Ich ahnte schon die Antwort. Er würde sicher zu dieser internationalen Truppe gehören, die gerade dabei war, Tolkien's "Herr der Ringe" abzulichten. Und tatsächlich, so war es. "Lord of the Rings", sagte er, jetzt sei gerade Drehpause. Und: "Ich bin einer der 'scaly devils', einer von den schuppigen Teufeln", fügte er dann noch hinzu. Schuppige Teufel? Da hatte ich mir doch die dreizehnstündige Hörspielversion vom "Herrn der Ringe" mehrfach vorwärts und rückwärts angehört, aber wo waren da schuppige Teufel vorgekommen? Ich fragte noch mal nach. Diesmal klang es wie 'scary devils' - ach so, angsteinflößende Teufel! Ja aber, die gab's doch in der Geschichte auch nicht! Endlich, beim dritten Nachhaken, verstand ich ihn. "Scale doubles" - massstabgerechte Doubles.
Der kleine Mann war Frodo - Frodo's Double. Ein Hobbit, wie er im Buche stand. Damit der "richtige" Frodo Baggins-Darsteller, der Amerikaner Elijah Wood beispielsweise neben Christopher Lee nicht gar so unverhältnismäßig groß wirkte, stand in Wirklichkeit dieser kleine Mann aus Indien neben ihm. Wenn dann die Kamera wieder auf Frodo gerichtet wurde, trat Elijah Wood in Aktion. Jetzt erst erkannte ich: Frodo's Double war eine Rarität. Die schöne Gestalt, die "normalen" Proportionen, die so gar nichts Kleinwüchsiges an sich hatten. So etwas musste man suchen - und man hatte auf der ganzen Welt gerade einen Einzigen von dieser Sorte gefunden. In Indien.
"Sind Sie in Indien auch beim Film?" fragte ich. "Natürlich, ich bin eine Berühmtheit. Ich spiele in allen indischen Filmen immer den Liebesgott." Ein Star aus Bollywood. Aus Bombay. Ich hatte schon Lata Mangeshkar kennen gelernt, ebenfalls in Wellington. Die Sängerin, die sogar noch im hohen Alter in allen indischen Filmen immer die Liebeslieder für die jungen Frauen sang. Und hier hatte ich dazu den Liebesgott. Bekanntlich darf im indischen Film keine Kuss- oder Sexszene gezeigt werden. Wenn Liebe angedeutet werden soll, tritt der Gott Amor mit seinen Pfeilen auf und lächelt schelmisch in die Kamera. Und so sah er aus - der Liebesgott aus Indien. Im Cowboy-Anzug, wie ein Kind in der Karnevalsverkleidung. Und er lächelte mir ein Dutzend mal verschmitzt in die Kamera, die genau in diesem Moment den Geist aufgeben musste. Ich saß da, ohne Blitzlicht im Abendsonnenschein! Ein Glanzpunkt meiner Journalistenkarriere war gerade dabei, in die Binsen zu gehen.
Innerlich aufgewühlt, vergaß ich beinahe noch die wichtigste Frage überhaupt. "Wie heißen Sie eigentlich?" Ganz zum Schluss erst stellte ich die Frage. "Chodhu Ustad", sagte er. "Das bedeutet: der freundliche kleine Gentleman." Und tatsächlich, der liebenswürdige kleine Herr passte perfekt zu dieser Rolle. Wozu also, fragte ich mich nachher selber, wozu brauchte man dann diesen Schnickschnack mit dem Double, wo doch dieses schon der perfekte Frodo Baggins war? Wozu den großen Amerikaner? Offenbar, so musste ich mir eingestehen, herrschen auch im Reich der Phantasie nur die Regeln der kapitalistischen Realität.
Meine zweite "Herr der Ringe"-Begegnung blieb dagegen ganz im Bereich des Irrealen. Die fand in Wien, in Wellington, und wieder in Wien, also gleich dreimal, NICHT statt. Es war die Nicht-Begegnung mit Eddi. Auch Eddi gehörte zum Film-Tross, er brachte den Kämpfern die richtigen Martial Arts-Bewegungen bei. Mit ihm hatte ich vor meiner Abreise in Wien telefoniert, ich kannte ihn gar nicht. Er war ein Bekannter vom Freund der jüngeren Tochter meiner Frau. Aber wir hatten keine Zeit, uns in Wien zu treffen, bevor er losfuhr. Wir verabredeten uns also für einen Kaffee in Wellington. Und dann vergaß ich Eddi ganz einfach, als ich in Wellington war.
Als ich später schon wieder seit einigen Wochen in Wien weilte, sagte die Tochter meiner Frau: "Eddi ist in Wien, auf Besuch." Wir sprachen am Telefon. Er hatte keine Zeit, und er durfte auch nichts sagen, erklärte er mir. Geheimhaltung, Produktionsvorschriften, Regeln, die man nicht brechen durfte. Wir verabredeten uns auf ein späteres Interview im Internet. Und dann vergaß ich ihn ein zweites Mal. Soeben erfahre ich aber, zufällig genau in dem Moment, während ich über ihn schreibe, dass dieser Eddi, den ich persönlich noch immer nicht kennengelernt habe, mittlerweile wieder in Wien ist. Im Krankenhaus. Offenbar hat er sich bei dem Schlachtengetümmel in Neuseeland eine böse Verletzung am Kinn geholt, und wird jetzt die Kinopremiere des Films verpassen. Gute Besserung, Eddi.
Immerhin war ich aber persönlich im Filmgebiet gewesen, im Tongariro Nationalpark, und verbrachte sogar eine Nacht im Luxushotel dort, dem Chateau, am Mount Ruapehu, dem rauch- und aschespeienden Vulkan, der im Winter und bis in den Sommer hinein als Schiparadies gilt. Chateau ist, nebenbei bemerkt, ein schöner Name für ein Gebäude, dessen Architektur, wie meine Frau sagt, an die Lungenabteilung auf der Baumgärtner Höhe in Wien erinnert. Ich selber genoss den Blick, vom großen Panoramafenster des Hotels aus, auf Ngauruhoe, den Mount Fudschi-artigen Kegel des nächsten Vulkans gleich nebenan.
Hier im faul Fauteuil sitzen und 14 Tage lang den "Zauberberg" lesen, dachte ich. Das wäre schön. Die Landschaft rundum passt freilich besser zu Tolkien's Buch, mit ihren braunroten, verdorrten Heidepflanzen und den riesigen steinernen Kanonenkugeln, die der Vulkan überall hin bis zu 30 Kilometer weit in der Gegend verschleudert hat. Aber wir sahen die Filmtrupps nicht, sie waren samt ihrer Feldküche, dem mobilen Catering, irgendwo im Gelände abgetaucht. Und das passte zu dem Film. Denn der Krieg ist, was immer man mir erzählen mag, das eigentliche Thema des "Herrn der Ringe".
Es war die Schlacht an der Somme (zwischen dem 23. Juni und 19. November 1916) an der auch Tolkien teilgenommen hat. Britische Verluste 600.000, die Deutschen hatten eine ähnliche Zahl zu beklagen. Ein unbeschreibliches, mörderisches Treiben. Die höchste Verlustquote der Briten lag bei 50.000 Toten an einem einzigen Tag. Frodo's Reise durch Moria beschreibt in grauslichem Detail die Szenerie, die Tolkien dort vor Augen hatte. Doch hier kommt der phantastische, der fast unglaubliche Aspekt dieser Geschichte: während Hunderttausende seiner Landsleute in den Schützengräben starben und ebenso viele schwer verwundet wurden, entkam Tolkien fast ohne jeden Kratzer. Er blieb völlig unverletzt.
Das passte natürlich zu einem Mann, der "Tollkühn" hieß, obwohl er keine besonderen Heldenstückchen vollführte. Aber der Name stammte wirklich aus Deutschland, die Vorfahren waren mit dem ersten Hannoveraner-König, King George, im 18. Jahrhundert nach England gekommen. Tolkien selbst war ein bedächtiger Pfeifenraucher, und alles andere als ein feuriger Draufgänger. Als tiefgläubiger Katholik zeigte er Eifer nur bei dem missionarischen Bemühen, seine Mitmenschen vom Atheismus ab zu bringen.
Die Horrorerlebnisse des Krieges lagerten dann 20 Jahre in seiner Seele, bevor er eine Form fand, um über sie zu schreiben. Übrigens las "Tolk", wie ihn seine Studenten später nannten, selber, zumindest als Erwachsener, wenig Fantasy, er bevorzugte Science Fiction. In Oxford brachte ihn ein Studienkollege namens Kenneth Sisam und wieder, wie es der Zufall will, ein Neuseeländer, dazu, sich für die Literatur des 14. Jahrhunderts zu interessieren - und legte damit den ersten Pflasterstein auf den Weg, der schließlich zu den Hobbits führen würde.
Nach dem Krieg, 1919, war Tolkien nach Oxford zurück gekehrt und wurde dort, bereits mit Mitte 20, als einer der vier Herausgeber des in allen Rechtschreibfragen autoritativen Oxford English Dictionary angestellt. Das ist insofern interessant, als der Plural von "Zwerg" im Englischen "Dwarfs" geschrieben wird, bei Tolkien aber immer "Dwarves". Er hat den Plural also "falsch" gebildet - oder absichtlich seine "Zwergerln" anders genannt, um sie nicht mit "Zwergen" zu verwechseln, bevor er endlich das Wort "Hobbit" erfand, mit dem seine Geschichte letztlich steht und fällt.
Oder aber es lag ganz einfach an seiner Aussprache. Tolkiens Rede, seine ganz normale Sprechweise des Englischen, war, nach allem was man darüber liest, ein derart nachlässiges Nuscheln, dass selbst gute Bekannte Mühe hatten, ihn zu verstehen, von seinen Studenten ganz zu schweigen. Ein Dokumentarfilm der BBC über den berühmten Professor brachte es auf eine Länge von gerade einmal 20 Minuten. Der größte Teil des Filmmaterials fiel unter den Schneidetisch, weil Tolkiens Gemurmel völlig unverständlich blieb.
All dieses wirft ein Licht auf die jahrelangen Leiden der Mitglieder des "christlichen, konservativen und romantischen" Literatenzirkels der "Inklings" in Oxford, dem neben Tolkien auch sein Freund, der Fantasy- und Kinderbuch-Autor C. S. Lewis [Verfasser des "Narnia"-Zyklus] angehörte. Hier nuschelte sich Tolkien über ein Jahrzehnt hinweg durch stets neue Teile und Kapitel seines, von allen Zuhörern als "unsäglich" empfundenen, Hobbit-Buches für Erwachsene, das seinen endgültigen Titel erst viel später erhielt. Dorothy Sayers, die Krimi-Autorin und Dante-Übersetzerin, ebenfalls in Oxford, vermied es gewissenhaft, jemals bei einer Tolkien-Lesung zugegen zu sein.
Das Buch erhielt gleichwohl in England, nach seinem Erscheinen, die begehrte Auszeichnung, den HUGO für den besten Fantasy-Roman 1956, doch erst in Amerika wurde das Buch zum wahren Hit. Durch eine Nachsichtigkeit hatte es der britische Verlag, Unwin, unterlassen, ein Copyright für die USA anzumelden. So konnte das Buch 1965 ganz legal als Raubkopie im Taschenbuch bei Ace-Books erscheinen und verkaufte sich in einem einzigen Jahr 200.000 mal, ohne dass Tolkien davon einen einzigen müden Cent sah. Zwei Jahre später war die Weltauflage bereits bei 10 Millionen angekommen. Der Rest ist, wie man sagt, Geschichte.
Was der Kleine da so angestrengt entdecken wollte, war mir freilich ein Rätsel. "Was gibt's denn da zu sehen?" fragte ich. "Delphine!" sagte er mit dem Eifer eines Achtjährigen, auch die Körpergröße entsprach der eines kleinen Jungen. Und doch war es klar, dass der kleine Mann kein Kind mehr war. Die leuchtenden Knopfaugen waren die eines Erwachsenen. "Wirklich? Delphine?" sagte ich. Ich hatte in 25 Jahren noch nie einen Delphin im Hafen von Wellington gesehen, und wusste gar nicht, dass es so etwas hier geben sollte. Natürlich gibt es in Neuseeland Delphine, aber dass sie sich so nahe an die Stadt heran wagten, war mir neu. Doch dann sah ich sie, sogar mit bloßem Auge. Tatsächlich, da sprangen sie aus dem Wasser. Delphine. Toll. Keen, wie man in den Fünfzigerjahren sagte. Da hatte ich in dieser Stadt also eine Tochter und sogar ein Enkelkind, aber ein indischer Zwerg musste mir etwas zeigen, was mir bis zu diesem Tag völlig unbekannt gewesen war.
"Und was machen Sie sonst, wenn Sie mal nicht nach Delphinen Ausschau halten?" fragte ich etwas später, als ich mich neben ihm auf die Bank setzte. "Ich bin beim Film", sagte er. Das hätte ich mir natürlich denken können. So ein wohlgestalteter kleiner Mann musste ja wohl beim Film sein. "Und Sie drehen hier jetzt gerade?" fragte ich weiter. Ich ahnte schon die Antwort. Er würde sicher zu dieser internationalen Truppe gehören, die gerade dabei war, Tolkien's "Herr der Ringe" abzulichten. Und tatsächlich, so war es. "Lord of the Rings", sagte er, jetzt sei gerade Drehpause. Und: "Ich bin einer der 'scaly devils', einer von den schuppigen Teufeln", fügte er dann noch hinzu. Schuppige Teufel? Da hatte ich mir doch die dreizehnstündige Hörspielversion vom "Herrn der Ringe" mehrfach vorwärts und rückwärts angehört, aber wo waren da schuppige Teufel vorgekommen? Ich fragte noch mal nach. Diesmal klang es wie 'scary devils' - ach so, angsteinflößende Teufel! Ja aber, die gab's doch in der Geschichte auch nicht! Endlich, beim dritten Nachhaken, verstand ich ihn. "Scale doubles" - massstabgerechte Doubles.
Der kleine Mann war Frodo - Frodo's Double. Ein Hobbit, wie er im Buche stand. Damit der "richtige" Frodo Baggins-Darsteller, der Amerikaner Elijah Wood beispielsweise neben Christopher Lee nicht gar so unverhältnismäßig groß wirkte, stand in Wirklichkeit dieser kleine Mann aus Indien neben ihm. Wenn dann die Kamera wieder auf Frodo gerichtet wurde, trat Elijah Wood in Aktion. Jetzt erst erkannte ich: Frodo's Double war eine Rarität. Die schöne Gestalt, die "normalen" Proportionen, die so gar nichts Kleinwüchsiges an sich hatten. So etwas musste man suchen - und man hatte auf der ganzen Welt gerade einen Einzigen von dieser Sorte gefunden. In Indien.
"Sind Sie in Indien auch beim Film?" fragte ich. "Natürlich, ich bin eine Berühmtheit. Ich spiele in allen indischen Filmen immer den Liebesgott." Ein Star aus Bollywood. Aus Bombay. Ich hatte schon Lata Mangeshkar kennen gelernt, ebenfalls in Wellington. Die Sängerin, die sogar noch im hohen Alter in allen indischen Filmen immer die Liebeslieder für die jungen Frauen sang. Und hier hatte ich dazu den Liebesgott. Bekanntlich darf im indischen Film keine Kuss- oder Sexszene gezeigt werden. Wenn Liebe angedeutet werden soll, tritt der Gott Amor mit seinen Pfeilen auf und lächelt schelmisch in die Kamera. Und so sah er aus - der Liebesgott aus Indien. Im Cowboy-Anzug, wie ein Kind in der Karnevalsverkleidung. Und er lächelte mir ein Dutzend mal verschmitzt in die Kamera, die genau in diesem Moment den Geist aufgeben musste. Ich saß da, ohne Blitzlicht im Abendsonnenschein! Ein Glanzpunkt meiner Journalistenkarriere war gerade dabei, in die Binsen zu gehen.
Innerlich aufgewühlt, vergaß ich beinahe noch die wichtigste Frage überhaupt. "Wie heißen Sie eigentlich?" Ganz zum Schluss erst stellte ich die Frage. "Chodhu Ustad", sagte er. "Das bedeutet: der freundliche kleine Gentleman." Und tatsächlich, der liebenswürdige kleine Herr passte perfekt zu dieser Rolle. Wozu also, fragte ich mich nachher selber, wozu brauchte man dann diesen Schnickschnack mit dem Double, wo doch dieses schon der perfekte Frodo Baggins war? Wozu den großen Amerikaner? Offenbar, so musste ich mir eingestehen, herrschen auch im Reich der Phantasie nur die Regeln der kapitalistischen Realität.
Meine zweite "Herr der Ringe"-Begegnung blieb dagegen ganz im Bereich des Irrealen. Die fand in Wien, in Wellington, und wieder in Wien, also gleich dreimal, NICHT statt. Es war die Nicht-Begegnung mit Eddi. Auch Eddi gehörte zum Film-Tross, er brachte den Kämpfern die richtigen Martial Arts-Bewegungen bei. Mit ihm hatte ich vor meiner Abreise in Wien telefoniert, ich kannte ihn gar nicht. Er war ein Bekannter vom Freund der jüngeren Tochter meiner Frau. Aber wir hatten keine Zeit, uns in Wien zu treffen, bevor er losfuhr. Wir verabredeten uns also für einen Kaffee in Wellington. Und dann vergaß ich Eddi ganz einfach, als ich in Wellington war.
Als ich später schon wieder seit einigen Wochen in Wien weilte, sagte die Tochter meiner Frau: "Eddi ist in Wien, auf Besuch." Wir sprachen am Telefon. Er hatte keine Zeit, und er durfte auch nichts sagen, erklärte er mir. Geheimhaltung, Produktionsvorschriften, Regeln, die man nicht brechen durfte. Wir verabredeten uns auf ein späteres Interview im Internet. Und dann vergaß ich ihn ein zweites Mal. Soeben erfahre ich aber, zufällig genau in dem Moment, während ich über ihn schreibe, dass dieser Eddi, den ich persönlich noch immer nicht kennengelernt habe, mittlerweile wieder in Wien ist. Im Krankenhaus. Offenbar hat er sich bei dem Schlachtengetümmel in Neuseeland eine böse Verletzung am Kinn geholt, und wird jetzt die Kinopremiere des Films verpassen. Gute Besserung, Eddi.
Immerhin war ich aber persönlich im Filmgebiet gewesen, im Tongariro Nationalpark, und verbrachte sogar eine Nacht im Luxushotel dort, dem Chateau, am Mount Ruapehu, dem rauch- und aschespeienden Vulkan, der im Winter und bis in den Sommer hinein als Schiparadies gilt. Chateau ist, nebenbei bemerkt, ein schöner Name für ein Gebäude, dessen Architektur, wie meine Frau sagt, an die Lungenabteilung auf der Baumgärtner Höhe in Wien erinnert. Ich selber genoss den Blick, vom großen Panoramafenster des Hotels aus, auf Ngauruhoe, den Mount Fudschi-artigen Kegel des nächsten Vulkans gleich nebenan.
Hier im faul Fauteuil sitzen und 14 Tage lang den "Zauberberg" lesen, dachte ich. Das wäre schön. Die Landschaft rundum passt freilich besser zu Tolkien's Buch, mit ihren braunroten, verdorrten Heidepflanzen und den riesigen steinernen Kanonenkugeln, die der Vulkan überall hin bis zu 30 Kilometer weit in der Gegend verschleudert hat. Aber wir sahen die Filmtrupps nicht, sie waren samt ihrer Feldküche, dem mobilen Catering, irgendwo im Gelände abgetaucht. Und das passte zu dem Film. Denn der Krieg ist, was immer man mir erzählen mag, das eigentliche Thema des "Herrn der Ringe".
Es war die Schlacht an der Somme (zwischen dem 23. Juni und 19. November 1916) an der auch Tolkien teilgenommen hat. Britische Verluste 600.000, die Deutschen hatten eine ähnliche Zahl zu beklagen. Ein unbeschreibliches, mörderisches Treiben. Die höchste Verlustquote der Briten lag bei 50.000 Toten an einem einzigen Tag. Frodo's Reise durch Moria beschreibt in grauslichem Detail die Szenerie, die Tolkien dort vor Augen hatte. Doch hier kommt der phantastische, der fast unglaubliche Aspekt dieser Geschichte: während Hunderttausende seiner Landsleute in den Schützengräben starben und ebenso viele schwer verwundet wurden, entkam Tolkien fast ohne jeden Kratzer. Er blieb völlig unverletzt.
Das passte natürlich zu einem Mann, der "Tollkühn" hieß, obwohl er keine besonderen Heldenstückchen vollführte. Aber der Name stammte wirklich aus Deutschland, die Vorfahren waren mit dem ersten Hannoveraner-König, King George, im 18. Jahrhundert nach England gekommen. Tolkien selbst war ein bedächtiger Pfeifenraucher, und alles andere als ein feuriger Draufgänger. Als tiefgläubiger Katholik zeigte er Eifer nur bei dem missionarischen Bemühen, seine Mitmenschen vom Atheismus ab zu bringen.
Die Horrorerlebnisse des Krieges lagerten dann 20 Jahre in seiner Seele, bevor er eine Form fand, um über sie zu schreiben. Übrigens las "Tolk", wie ihn seine Studenten später nannten, selber, zumindest als Erwachsener, wenig Fantasy, er bevorzugte Science Fiction. In Oxford brachte ihn ein Studienkollege namens Kenneth Sisam und wieder, wie es der Zufall will, ein Neuseeländer, dazu, sich für die Literatur des 14. Jahrhunderts zu interessieren - und legte damit den ersten Pflasterstein auf den Weg, der schließlich zu den Hobbits führen würde.
Nach dem Krieg, 1919, war Tolkien nach Oxford zurück gekehrt und wurde dort, bereits mit Mitte 20, als einer der vier Herausgeber des in allen Rechtschreibfragen autoritativen Oxford English Dictionary angestellt. Das ist insofern interessant, als der Plural von "Zwerg" im Englischen "Dwarfs" geschrieben wird, bei Tolkien aber immer "Dwarves". Er hat den Plural also "falsch" gebildet - oder absichtlich seine "Zwergerln" anders genannt, um sie nicht mit "Zwergen" zu verwechseln, bevor er endlich das Wort "Hobbit" erfand, mit dem seine Geschichte letztlich steht und fällt.
Oder aber es lag ganz einfach an seiner Aussprache. Tolkiens Rede, seine ganz normale Sprechweise des Englischen, war, nach allem was man darüber liest, ein derart nachlässiges Nuscheln, dass selbst gute Bekannte Mühe hatten, ihn zu verstehen, von seinen Studenten ganz zu schweigen. Ein Dokumentarfilm der BBC über den berühmten Professor brachte es auf eine Länge von gerade einmal 20 Minuten. Der größte Teil des Filmmaterials fiel unter den Schneidetisch, weil Tolkiens Gemurmel völlig unverständlich blieb.
All dieses wirft ein Licht auf die jahrelangen Leiden der Mitglieder des "christlichen, konservativen und romantischen" Literatenzirkels der "Inklings" in Oxford, dem neben Tolkien auch sein Freund, der Fantasy- und Kinderbuch-Autor C. S. Lewis [Verfasser des "Narnia"-Zyklus] angehörte. Hier nuschelte sich Tolkien über ein Jahrzehnt hinweg durch stets neue Teile und Kapitel seines, von allen Zuhörern als "unsäglich" empfundenen, Hobbit-Buches für Erwachsene, das seinen endgültigen Titel erst viel später erhielt. Dorothy Sayers, die Krimi-Autorin und Dante-Übersetzerin, ebenfalls in Oxford, vermied es gewissenhaft, jemals bei einer Tolkien-Lesung zugegen zu sein.
Das Buch erhielt gleichwohl in England, nach seinem Erscheinen, die begehrte Auszeichnung, den HUGO für den besten Fantasy-Roman 1956, doch erst in Amerika wurde das Buch zum wahren Hit. Durch eine Nachsichtigkeit hatte es der britische Verlag, Unwin, unterlassen, ein Copyright für die USA anzumelden. So konnte das Buch 1965 ganz legal als Raubkopie im Taschenbuch bei Ace-Books erscheinen und verkaufte sich in einem einzigen Jahr 200.000 mal, ohne dass Tolkien davon einen einzigen müden Cent sah. Zwei Jahre später war die Weltauflage bereits bei 10 Millionen angekommen. Der Rest ist, wie man sagt, Geschichte.