Alt 16.06.17, 20:40
Standard So tickt die Börse: Wechselbad der Gefühle
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Es dauerte nur wenige Stunden, bis meine Prognose der vergangenen Woche eintrat: Am Freitag Abend begannen die Technologieaktien in den USA einen Ausverkauf, der am Montag dann auch den DAX belastete. In Erwartung der Zinsanhebung durch die US-Notenbank erholten sich die Märkte dann bis Mittwoch, um im Anschluss dann erneut einzubrechen. Von Mittwoch Nachmittag bis Donnerstag Vormittag verlor der DAX in der Spitze 2,2%. Heute wird ein Teil des Verlustes wieder ausgeglichen.

Ich hatte vor einer Woche die Sentimentanalyse dahingehend interpretiert, dass das Sicherheitsnetz, das in den vergangenen Monaten heftige Ausverkäufe verhindert hat, nun weg ist. Die heftigen Kursschwankungen der abgelaufenen Woche sind ein anschauliches Beispiel dafür, was ich meinte.

Doch der Blick ins Detail zeigt, dass weit mehr hinter den Kurschwankungen steckt als nur eine Laune der Anleger. Der Ausverkauf begann am Freitag mit einem Bloomberg-Bericht zu Apple, in dem das für diesen Herbst erwartete iPhone 8 als heute schon technologisch veraltet dargestellt wird. Ich habe in einem der Updates detailliert zu diesem Vorwurf Stellung bezogen.

Ehe wir uns versahen, war Apple mit 8% im Minus. Natürlich wurden auch alle Zulieferer von Apple kräftig ausverkauft und schließlich hatten wir einen breiten Ausverkauf der gesamten Technologiebranche. Auch Infineon und SAP, Dialog Semi und Siltronic gerieten schließlich unter die Räder.

Sicherheit war gefragt und so sprangen Fresenius, FMC und Henkel kräftig an. Doch das sind Werte, die in Zeiten konjunktureller Schwäche gefragt sind. Laufen wir tatsächlich auf eine Rezession zu, wurde bald gefragt.

Nein, die Konjunkturdaten sprechen eine andere Sprache. Und also war der Ausverkauf schneller beendet, als er begann. Die Highflyer der vergangenen Monate stiegen wieder an, Dividendentitel wurden wieder in die zweite Reihe gedrängt. Doch dann kam Fed-Chefin Janet Yellen.

Erwartungsgemäß hob Sie den US-Leitzins um 0,25% auf 1-1,25% an und hielt auch die Aussicht auf einen weiteren Zinsschritt im laufenden Jahr aufrecht. Die Entwicklung am Arbeitsmarkt sei ordentlich, so Yellen, und so wurden sämtliche Erwartungen der Bullen erfüllt.

Doch dann sprach sie (leider) weiter und berichtete von der nun langsam abflauenden Konjunkturstärke der USA. Die Wachstumsprognose für 2018 wurde gesenkt und Anleger erlebten ein Wechselbad der Gefühle.

Im Resultat erleben wir nun eine Differenzierung am Aktienmarkt: Banken profitieren von einem höheren Zinsniveau, Bankaktien steigen also an. Konjunktursensible Bereiche wie beispielsweise der Energiesektor sind unter Druck, die Ölbranche bis hin zum Ölpreis werden ausverkauft. In diesem Durcheinander bieten letztlich doch nur gerade die Aktien Sicherheit, die von solchen Konjunktur- und Zinskapriolen unabhängig sind. Und das sind Aktien von Unternehmen, deren Wachstum aufgrund von Innovationen, von neuen Märkten besteht: Technologieaktien.

Schauen wir einmal, wie sich die wichtigsten Indizes im Wochenvergleich entwickelt haben:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES

INDIZES 15.6.17 Woche Δ Σ '17 Δ

Dow Jones 21.360 0,7% 8,1%
DAX 12.692 -0,2% 10,5%
Nikkei 19.832 -0,4% 3,8%
Shanghai A 3.281 -0,6% 1,0%
Euro/US-Dollar 1,11 -0,6% 5,9%
Euro/Yen 123,94 0,4% 0,8%
10-Jahres-US-Anleihe 2,16% -0,04 -0,28
Umlaufrendite Dt 0,09% -0,01 0,10
Feinunze Gold $1.253 -1,9% 8,8%
Fass Brent Öl $46,85 -2,4% -17,4%
Kupfer 5.636 -0,2% 3,9%
Baltic Dry Shipping 855 3,8% -7,9%



Im Wochenvergleich ist die Aktienmarktveränderung gering. Dennoch erfolgte eine Rotation im oben beschriebenen Sinne, wobei sich eine Reihe von Anlegern vor dem anstehenden Sommer anlässlich dieser Turbulenzen aus dem Markt verabschiedet haben dürften.

Der US-Dollar ist infolge der Zinsentscheidung kräftig angestiegen. Gleichzeitig ist das Zinsniveau für langfristige Anleihen gefallen. Der schwache Konjunkturausblick hat die Zinskurve abgeflacht: Obwohl der Leitzins, der für kurzfristige Ausleihungen gilt, angehoben wurde, ist die Rendite bei 10 Jahre laufenden US-Anleihen aufgrund der Senkung der Wachstumsprognose gefallen (-0,04%Punkte). Yellen löst damit die Quadratur des Kreises: Sie hebt das Zinsniveau an und verschafft sich Handlungsspielraum für künftige Liquiditätssorgen, ohne dass für Investitionsn des überschuldeten Landes USA gültige langfristige Zinsniveau anzuheben.

Kein Wunder, dass die EZB vor diesem Hintergrund erstmalig ihre Währungsreserven auch in einer neuen Währung anlegt: Dem chinesischen Renminbi. Nachdem der IWF im vergangenen Herbst die chinesische Währung in den Währungskorb aufgenommen hat, folgte nun die erste Transaktion mit einem Volumen von 500 Mio. Euro. Die EZB hält nun also Währungsreserven in US-Dollar, japanischem Yen, Gold, Sonderziehungsrechten (eigene Währung des IWF) sowie Renminbi.

Der Ölpreis ist in diesem Umfeld um 2,4% eingebrochen, beim US-Öl (WTI) wurde die für das Fracking wichtige Kostenmarke von 45 USD/Fass unterschritten.

Auch der Goldpreis musste Federn lassen (-1,9%). Der Zinsschritt in den USA sowie die durch den Wahlsieg Macrons in Frankreich eingezogene Beruhigung an den Finanzmärkten lässt die Notwendigkeit des Sicheren Hafens in den Hintergrund treten. Ich denke, es handelt sich um eine trügerische Sicherheit und überlege, unseren Goldanteil anzuheben.

Nachdem die Sentiment-Analyse so gute Prognosen geliefert hat, bin ich nun neugierig, wie es heute ausschaut.
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Stephan Heibel die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)  
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